Blockchains: Wer profitiert besonders von dezentralen Datenstrukturen?

Digitalisierung Finanzen Technologien

Blockchains: Wer profitiert besonders von dezentralen Datenstrukturen?

von Jannik Kroll
Lesedauer 8 Min.

Blockchains treiben die digitale Transformation der Wirtschaft auf ein neues Level. Warum dezentrale Datenstrukturen konventionellen IT-Systemen überlegen sind und wie Unternehmen sie idealerweise einsetzen, erklärt Experte Alexander Hüsgen.

Herr Hüsgen, der Begriff “Blockchain” ist relativ präsent – und für manche noch mysteriös. Wie erklären Sie ihn?
 
Blockchains sind Ketten digitaler Daten, die stetig wachsen. Das ist vergleichbar mit einer klassischen Datenbank. Im Unterschied dazu werden die Einträge dezentral in einem Netzwerk vieler Rechner geführt. Diese kontrollieren sich gegenseitig und schließen so nachträgliche Veränderungen aus. Bei den Blockchains von Bitcoin oder Ethereum besteht das Netzwerk aus einigen Tausend Computern.
 
Welche Technologien stehen hinter Blockchains, welche Formen gibt es?
 
Auf allen im jeweiligen Netzwerk eingebundenen Computern läuft gleichzeitig eine Software. Sie stellt sicher, dass die Blockchain weiter wächst und nicht von einem bestimmten Teilnehmer manipuliert werden kann. Algorithmen steuern das Wachstum und die Synchronisation untereinander. Grundsätzlich ist wichtig, dass die Mehrheit aller Rechner im Netzwerk die Gültigkeit neuer Transaktionen bestätigt, damit die dezentrale Struktur gewahrt bleibt.
 
Da diese Computerprogramme meist als “Open Source” frei verfügbar sind, haben sich eine Vielzahl an Varianten entwickelt. So sind Blockchains wie Bitcoin, Ethereum oder Polygon öffentlich zugänglich, alle Daten sind transparent. Es gibt auch geschlossene Blockchains, bei denen nur autorisierte Teilnehmer*innen Zugriff haben, beispielsweise kooperierende Unternehmen. Hybride Lösungen machen lediglich bestimmte Daten zugänglich. Zudem unterscheiden sich die Blockchains in Skalierbarkeit, Sicherheit und Grad der Dezentralisierung.
 
Für welche Branchen oder Projekte eignen sich Blockchain-Strukturen besonders?
 
Die Industrie bildet mit dieser Technologie beispielsweise Lieferketten ab. Dabei wird jeder Schritt von der Produktion bis zum Vertrieb mit einem Zeitstempel und einem Status auf der Blockchain festgehalten. Bei frischen Lebensmitteln können mithilfe von Sensoren die Kühlketten kontrolliert werden. Luxusartikel lassen sich auf Echtheit überprüfen. Banken können künftig Konten über Blockchains führen, das Gesundheitswesen sensible Patientenakten. Im Energiesektor kann sowohl die Einspeisung wie auch die Nutzung nachvollzogen werden.
 
Und das waren nur einige wenige Beispiele – Anwendungsmöglichkeiten gibt es in allen Branchen. Dezentrale Register oder Buchhaltungssysteme arbeiten generell sicherer, transparenter und kostengünstiger. Einheitliche Regeln und das Fehlen einer zentralen Instanz fördern die Gleichberechtigung aller Beteiligten – über Unternehmensgrenzen hinweg.
 
Herr Hüsgen, Sie beraten vorwiegend im Bereich “FinTech”, Financial Technology. Um was für Technologien handelt es sich dabei?
 
Der Begriff Financial Technolgy ist nicht streng definiert. Er schließt alle Anwendungen ein, die innovative Finanzdienstleistungen ermöglichen oder existierende modernisieren. Dazu gehören Onlinebanking, neue Zahlungsmöglichkeiten oder automatisierte Anlageberatung. Auch Crowdfunding-Plattformen zählen zu den FinTechs. Gleichermaßen bezeichnet man Unternehmen als “FinTechs”, die solche Technologien einsetzen oder entwickeln.

Warum sind Blockchain-Strukturen besonders für FinTechs oder Banken interessant?
 
Blockchains bilden Kontoführungsprozesse ideal ab. Eine Wallet-Adresse funktioniert dabei wie eine Art Kontonummer, unter der Kryptowährungen verwaltet oder digitale Vermögenswerte in Form von Tokens wie in einem Depot verwahrt werden.
 
Doch Blockchains speichern nicht nur Daten und Werte. Sie führen auch Logiken nach definierbaren Regeln aus, sogenannten Smart Contracts. Exemplarisch dafür ist der automatisierte Handel von Tokens an dezentralen Börsen wie Uniswap oder Curve Finance. Aave oder Compound Finance setzen Geldanlage- und Kreditprozesse eigenständig um.
 
Die Eigentumsverhältnisse digitaler Einzelstücke, sogenannte Non-fungible Token (NFTs), werden über Blockchains organisiert. Wie funktioniert dieses Konzept?
 
NFTs sind das Sinnbild für eine neue Ebene der Internet-Evolution. Das Web 1.0 verbreitete weltweit Inhalte zum Lesen, das Web 2.0 ließ die Menschen interagieren. Das Web 3.0, verbunden mit Blockchains und Tokens, ermöglicht den Besitz und den Handel dieser virtuellen Werte.
 
Diese Entwicklung begann mit ausschließlich digital verfügbaren Kryptowährungen. Durch NFTs gibt es nun nachweislich einzigartige Tokens wie virtuelle Kunstwerke oder Charaktere. Blockchains garantieren deren Echtheit und machen eine unveränderbare Eigentumshistorie öffentlich zugänglich.
 
Welche virtuellen Objekte halten Sie jetzt und in Zukunft für tokenisierbar?
 
Im Prinzip ist alles tokenisierbar, was man in digitaler Form speichern kann. Von Bildern, Videos oder Musik über virtuelle Grundstücke, Gebäude und Einrichtungsgegenstände im Metaverse bis hin zu virtuellen Figuren und deren Bekleidung. Der Handel mit virtuellen Produkten wächst stetig.
 
Doch auch physische Gegenstände lassen sich tokenisieren. Dafür muss allerdings eine eindeutige Verbindung zu einem virtuellen Token – dem Digital Twin – hergestellt werden. Prädestiniert dafür sind Immobilien, wertvolle Fahrzeuge oder andere Luxusgüter.
 
Wie schätzen Sie die Zukunft von Blockchain-getriebenen FinTech-Konzepten ein?
 
Banken bestehen aus komplexen Infrastrukturen mit unterschiedlichen Systemen. Ich sehe eine große Chance darin, diese auf einer Blockchain zu bündeln. Das würde die Effizienz und die Sicherheit erhöhen. Zudem sind dezentrale Strukturen eine ideale Plattform für neue Geschäftsmodelle.
 
Sind die Finanzdienstleister*innen auf diese massiven Veränderungen des Markts vorbereitet?
 
Ein Beispiel: In das Korrespondenzgeschäft internationaler Überweisungen sind mehrere Banken involviert. Ein Vorgang dauert deshalb mehrere Tage, kostet viel Geld und birgt Wechselkursrisiken. Betrieben alle beteiligten Banken eine gemeinsame Blockchain, könnten diese Transaktionen in Echtzeit ablaufen. An einem so revolutionären Geschäftsmodell wollen manche Stakeholder aber noch nicht partizipieren. Sie verdienen sehr gut an den alten Prozessen.
 
Daran wird exemplarisch erkennbar, dass die Verschmelzung mit der neuen digitalen Welt eine Weile dauern wird. Dabei gilt der Finanzdienstleistungssektor allerdings als Treiber der Blockchain-Adaption. Laut dem “Observatorio Blockchain e Distributed Ledger”, das jedes Jahr die Entwicklungen von Blockchain-Projekten weltweit beobachtet, sind etwa 50 % aller Projekte dem Finanzdienstleistungssektor zuzuordnen. Insgesamt gab es im Jahr 2021 sogar erstmals mehr Live- als Pilotprojekte.

Welche Gesetzgebungen werden den Finanzdienstleistungssektor kontrollieren?
 
In Deutschland ermöglicht das elektronische Wertpapiergesetz (eWpG) bereits, Anleihen elektronisch auszugeben. Einige Kryptowährungen können direkt an der Börse per ETN gekauft werden. Zudem treten in der EU in den nächsten Jahren die „Markets in Crypto Assets“ (MiCA) sowie die neue „Transfer of Funds Regulation“ (TFR) in Kraft. Diese Gesetze schaffen Rechtssicherheit für den Umgang mit Kryptowerten.
 
Welches Projekt betreuen Sie aktuell?
 
Ich berate eine Bank, die Einsatzszenarien für die Blockchaintechnologie bewerten und entwickeln möchte. Neben der Konteninfrastruktur und dem Zahlungsverkehr geht es ihnen darum, bestehende und neue digitale Vermögenswerte abzubilden und so als Wertgegenstand erfassbar und nutzbar zu machen. Dabei sind auch Tools wie Wallets und die Nutzung digitaler Identitäten wichtig, um auf Blockchains zugreifen zu können.
 
In einem anderen Projekt arbeite ich mit einem Start-up, das NFTs anbietet. Sie wollen diese für die Nutzer*innen leichter zugänglich machen.
 
Workshops, Konzepte, Potenzialanalysen … Mit welchen Methoden begeistern Sie Ihre Klient*innen?
 
Für die Beratung von Unternehmenskunden habe ich ein Modell entwickelt, um Anwendungsmöglichkeiten zu identifizieren. Dabei gehe ich zunächst auf die Technologie ein. Wie eine Blockchain funktioniert, was wir damit erreichen können. Wir betrachten kontrollierte Wertschöpfungsketten, Echtheitsnachweise bis hin zu virtuellen Gütern.
 
Auf dieser Grundlage entwickeln Mitarbeiter*innen meiner Klientel selbst Ideen, wie sie in ihrem Unternehmen dezentrale Strukturen einsetzen können. Denn sie sind die Expert*innen. In meinen interdisziplinären Workshops arbeiten bewusst Beschäftigte unterschiedlicher Unternehmensbereiche zusammen.
 
Sie entwickeln also keine Lösungen, sondern initiieren und begleiten Lösungswege?
 
Ich biete beides an. Doch entstehen aus diesen Brainstormings tatsächlich individuelle, bedarfsgerechte Anwendungsfälle. Diese unterziehen wir einem Proof-of-Concept oder probieren sie aus. Letztlich wollen alle in ihrem Segment einen Marktvorteil erlangen.
 
Herr Hüsgen, Sie beraten eine Bank, die sich über Onlinebanking hinaus mit Blockchains befassen möchte. Zu welchen ersten drei Schritten raten Sie den Verantwortlichen?

  1. Überlegen Sie, in welchen Geschäftsbereichen die Blockchain-Technologie relevant wird. Binden Sie dabei Ihre Mitarbeiter*innen ein.
     
  2. Haben Sie den Mut zu Pilotprojekten. Wer sie meistert, wird First Mover am Markt.
     
  3. Schaffen Sie Netzwerke und gehen Sie auf potenzielle Partnerunternehmen zu. Blockchain-Strukturen ergeben meist erst in Kooperationen Sinn.

Über den Experten

»Ich bin davon überzeugt, dass Blockchain-Innovationen die Wirtschaft verändern werden.« Alexander Hüsgen – freier Blockchain Advisor und Business Consultant – nutzt seinen breit gefächerten Hintergrund im Finanzdienstleistungssektor und entwickelt Schnittstellen zwischen Wirtschaft und IT. Alexander Hüsgen lebt und arbeitet in Hamburg.

www.alexander-huesgen.com

Alexander Hüsgen – freier Blockchain Advisor und Business Consultant

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