Bürokratie, Stromkrise, Ladeinfrastruktur: Wie die Verkehrswende noch gelingt

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Bürokratie, Stromkrise, Ladeinfrastruktur: Wie die Verkehrswende noch gelingt

von Jannik Kroll
Lesedauer 8 Min.

Die Zukunft der E-Mobilität ist gefährdet. Steigende Strompreise treffen die Fahrerinnen und Fahrer von Elektroautos akut. Wie Deutschland die Verkehrswende retten kann und wann Unternehmen von ihr profitieren? Das erörtert Experte Matthias Trusheim.

Die Strompreise steigen drastisch. Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf die Zukunft der E-Mobilität aus?
 
Steigende Strompreise machen die E-Mobilität zum unkalkulierbaren Risiko! Zumindest hört man diese Aussage aus der Automobilindustrie. Man fürchtet um die Zukunft der Elektroautos und der Verkehrswende in Deutschland. Damit sich die Modelle durchsetzen, müssen sie auf 100 Kilometer geringere Kosten als Benziner- oder Diesel-Fahrzeuge verursachen. Die Frage ist momentan: Wann »tanken« Stromer so teuer wie Verbrenner?
 
Haben Sie eine Antwort auf diese Frage?
 
Laut einer aktuellen Studie des Center Automotive Research (CAR) könnte der Kostenvorteil des Elektroautos schon 2023 der Vergangenheit angehören.
 
Für wen ist das »Tanken« am teuersten geworden?
 
Wer keine eigene Wallbox zu Hause hat, ist am schlechtesten dran. Die Tarife der öffentlichen Ladesäulen sind inzwischen so hoch, dass Stromer vielerorts teurer im Betrieb sind als Verbrenner. Und bis zur nächsten Preisrunde bei den Ladenetzbetreibern dürften allenfalls ein paar Wochen vergehen. Das Schnelllade-Netzwerk Ionity, das sich an das europäische Autobahnnetz schmiegt, ist aktuell mit bis zu 79 Cent pro Kilowattstunde besonders teuer.
 
Kann die aktuelle Situation die E-Mobilität um Jahre zurückwerfen?
 
Es braucht dringend Maßnahmen, damit das nicht passiert. Neben dem Strompreis bedroht auch die hohe Inflation die Verkehrswende. Diese verlangsamt den Umstieg auf Elektroautos erheblich. Wenn die Konjunktur schlecht ist, werden größere Anschaffungen aufgeschoben und der alte Diesel oder Benziner länger gefahren.
 
Sie sind einer der versiertesten Berater auf diesem Gebiet, begleiteten zudem die Transformation in der Telekommunikationsbranche erfolgreich. Ihr Wort hat Gewicht. Mit welchen Maßnahmen ließe sich genau jetzt der Verkauf von Elektroautos positiv beeinflussen?
 
Es gibt einiges zu tun. Drei Maßnahmen sind jedoch besonders relevant, auch wenn sie nicht ungewöhnlich erscheinen.

  • Durch eine bessere Ladeinfrastruktur muss die E-Mobilität praxistauglicher werden.
  • Wir müssen Energiekooperationen entwickeln. Unternehmen sollten nicht mit Individuallösungen konkurrieren, sondern häufiger zusammenarbeiten.
  • Und wir brauchen eine engagiertere Energieaußenpolitik. Diese ist notwendig, damit wir uns in Deutschland nicht durch Strommangel und hohe Kosten selbst ausbremsen.

 
Das klingt – mit Verlaub – etwas vage. Was bedeutet »engagiertere Außenpolitik«?
 
Dass wir die deutschen Stromexporte ins EU-Ausland stoppen. Es ist schwer zu verstehen, warum hierzulande der Sparzwang und explodierende Preise gelten, wenn wir gleichzeitig in erheblichen Größenordnungen Strom exportieren können. Seit einigen Monaten sind die Ausfuhren nach Frankreich deutlich gestiegen. Der Strompreis in Deutschland betrug zwischenzeitlich 988 Euro pro Megawattstunde. Ein Rekordwert. Anfang dieses Jahres waren es noch weniger als 150 Euro.
 
Gibt es weitere Ursachen, warum die Strompreise drastisch steigen?
 
Durch Rohstoffknappheit ist der Betrieb von Gaskraftwerken teurer geworden. Das ist aber nur ein Zweig der Energiegewinnung. Doch die Strompreise orientieren sich an dem teuersten Einspeiser. Von dem weiterhin günstig produzierten Ökostrom haben die Kundinnen und Kunden gar nichts. Das lässt am politischen Sachverstand zweifeln – und Lobbydenken vermuten. Die E-Mobilität wird nicht teuer, sie wird künstlich teuer gemacht.

Was wäre eine Lösung gegen dieses Problem?
 
Wir benötigen ein regulatives Korsett, also Regeln. Diese sollten sicherstellen, dass wir den normalen Abstand zwischen Spritpreisen und den Strompreisen beibehalten. Strom muss günstiger bleiben als Benzin und Diesel. Nur dann genügt der Kaufanreiz für Elektroautos und die Verkehrswende wird rasch genug gelingen.
 
Ein bisschen Zuversicht: Warum wird sich die E-Mobilität in Deutschland dauerhaft durchsetzen?
 
Sie wird sich behaupten, wenn sich die Politik behauptet. Schon 2019 und 2020 ist das eingetreten, was die Automobilindustrie nie wollte: Die Verkäufe von Elektrofahrzeugen stiegen in schrumpfenden Gesamtmärkten. Dieselfahrzeuge und Benziner werden bald Vergangenheit sein, ebenso der Hybridantrieb. Wir befinden uns in einer neuen Ära der Mobilität.
Oft ist eine neue Ära kaum wahrnehmbar, weil die Veränderungsprozesse fließend verlaufen. Die Menschen bekommen die Meilensteine des stattfindenden Wandels gar nicht mit.
 
Die Transformation wird nicht an den Autos sichtbar, die bis auf Weiteres nahezu unverändert aussehen. Dafür werden die Tankstellen herausstechen. Sie zählen zu den wichtigsten Katalysatoren der Mobilität von morgen.
 
Was wird sie auszeichnen?
 
Diese »Energy Spaces« werden mehr als Ladetechnologie bieten, sondern sämtliche Facetten der neuen Mobilität. Und zugleich können sie sich zu Entschleunigungsoasen entwickeln. Mein Tipp: Machen Sie heute ein Foto von Ihrer Lieblingstankstelle und heben sie es auf. Schon bald wird sie anders aussehen.
 
Dass Tankstellen eine neue Ladeinfrastruktur bieten müssen, ist logisch. Wie sieht es bei Lebensmittel-Einzelhändlern aus?

Es geht für sie um Kundenparkplätze 2.0! Bei Aldi, Edeka und Lidl entwickelt sich bereits etwas auf den Stellflächen. Schon bald werden Kundinnen und Kunden ihre Elektroautos überall während des Einkaufens laden können. Lidl bietet momentan das größte Ladenetz und baut dieses weiter aus. Die anderen müssen nachziehen. Auch weil die Ultrafast Charging Stations, die sogenannten Energy Spaces, längst durch Einkaufsangebote mit den Einzelhändlern konkurrieren.
 
Zudem zieht das Gebäude-E-Mobilitäts-Infrastrukturgesetz einen juristischen Rahmen. Gewerbetreibende mit einer bestimmten Anzahl von Stellplätzen müssen künftig eine Ladeinfrastruktur anbieten. Es gibt also kein Drumherum.
 
Wie wird das Thema Ladeinfrastruktur das Immobilien- & Gebäudemanagement beeinflussen?

Bis 2030 werden circa 15 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs sein. Diese müssen ans Netz. Doch an welches? Klar ist: Wir müssen die Ladeinfrastruktur ins Gebäudemanagement integrieren. Dafür werden Business-Partnerschaften mit Telekommunikationsunternehmen (Glasfaserausbau), großen Wohnungsbau-Genossenschaften, Kommunen, Bauträgern und der gesamten Immobilienwirtschaft entstehen müssen.
Der Trend ist jedoch klar: Die Elektrifizierung der Antriebe, die Form der Mobilität, über die unzählige Jahre diskutiert wurde, wird sich bald rasend schnell vollziehen.
 
Um spitz zu fragen: Wissen das auch die Autobauer?
 
Bis 2024 sind 600 neue Elektroauto-Modelle angekündigt. Das spricht für sich.
 
Das kann wirtschaftliches Kalkül sein. Wahrgenommene gesellschaftliche Verantwortung. Oder schlicht das Ergebnis von politischem Druck.

Letzteres macht sich sehr deutlich bemerkbar. Ich nenne es den politischen »Green Pressure«. Hersteller müssen die durchschnittlichen CO2-Emissionen ihrer Fahrzeugflotten in der EU bis 2030 um knapp 40 Prozent senken. Ansonsten drohen Strafzahlungen von 95 Euro pro Gramm CO2. Die Automobilindustrie muss so viele Elektroautos wie möglich absetzen. Nur dann verhindert sie noch engere Daumenschrauben durch die EU.
 
Die Anzahl der neuen Modelle ist gewaltig. Die Herausforderung: Menschen sollten sie freiwillig kaufen wollen. Wie lassen sich abseits der 100-Kilometer-Kosten die Kaufanreize stärken?
 
Drehen wir es um: Warum kaufen Menschen noch nicht?
21 Prozent der deutschen Neuwagenkäufer sehen Stromer als das »perfekte Alltagsfahrzeug«. Super. Dennoch sind sie skeptisch gegenüber den Vorteilen der neuen Technologie. Denn 46 Prozent der Befragten zweifeln daran, dass Elektroautos künftig klassische Verbrenner ablösen werden. Das klingt schlecht, aber die anderen Zahlen sind positiver. Einer britischen Studie zufolge wollen 91 Prozent der Besitzer von Elektroautos nicht mehr zu einem Benzin- oder Dieselfahrzeug zurückkehren. Die Bedenken verflüchtigen sich nach praktischen Erfahrungen schnell.

Was spricht dafür, dass mehr Menschen dieses erste Erlebnis wagen werden?
 
Fallende Kosten: Schon innerhalb der nächsten fünf Jahre werden Elektrofahrzeuge die wirtschaftlichste Option beim Autokauf sein.
 
Umweltfreundlichkeit: Die Behauptung, Elektroautos seien in der Nutzung und Produktion nicht umweltfreundlich, wurde mittlerweile von diversen Studien widerlegt. Tatsächlich sind Batteriefahrzeuge schon heute in der Summe umweltschonender als Verbrenner.
 
Fahreigenschaften: Stromer beschleunigen deutlich schneller. Die Höchstgeschwindigkeit ist absolut vergleichbar mit jener von Verbrennern.
 
Weniger Wartung und Verschleiß: Aufgrund der geringeren Komplexität des Antriebsstranges ist mit deutlich geringeren Reparaturanfälligkeiten zu rechnen. Das senkt langfristig Betriebskosten.
 
Steigende Reichweiten: Die kommende Technologie der Batterie sowie der Ausbau der Ladeinfrastruktur werden einen deutlichen Anstieg der Reichweite fördern.
 
In unsicheren Zeiten scheuen zahlreiche Stakeholder Investitionen. Wo könnten sich diese jetzt aber am meisten lohnen?
 
Investition sollten auf Business Cases und Planungssicherheit beruhen – und auf der Kenntnis über die Mitspieler am Markt. Mithilfe des Smart-Mobility-Index können Anleger in Unternehmen investieren, die die Mobilität der Zukunft gestalten. Der Index identifiziert Organisationen, die Produkte und Dienstleistungen zu dieser Zukunftsindustrie beitragen. Auch jene, die das bald tun können, werden berücksichtigt. Im Auswahlprozess werden Aktien aus insgesamt sieben Sektoren beachtet. Zu ihnen zählen: Autonomes Fahren, Batterieproduktion, Ladeinfrastruktur, Autos der Zukunft, Wasserstoffwirtschaft, Mikromobilität und das öffentliche Transportwesen. Die gesamte Branche wird zum Motor für Innovation und Technik.
 
Können Investoren aus der Privatwirtschaft die Energiewende treiben?
 
Das Problem ist, dass steigende Ansprüche die Effizienzgewinne pulverisieren. Grüne Produkte könnten beispielsweise beim Sparen von Energie und Ressourcen unterstützen. Das tun sie aber letztlich nicht, weil wir lieber mehr von allem wollen.
 
Angenommen, Sie dürften direkt mitentscheiden. Welche Wege würden Sie wählen?
 
Die Bundesregierung fördert schon jetzt mit Kaufprämien und Steuernachlässen Fahrzeuge mit alternativen Antrieben. Das muss ausgebaut werden! Damit Elektroautos fahren können, brauchen sie Strom aus Ladestationen. In Deutschland weist das Netz dafür große Lücken auf. Vor allem die Bürokratie bremst. Diese müssen wir abbauen. Dringend.
 
Die Bürokratie. Das Stichwort fällt oft. Warum sind die Behörden so träge?
 
Ein simples Beispiel: Ein Restaurant installiert auf dem Dach seines Gebäudes eine Photovoltaikanlage. Die Gäste können ihr Elektroauto an zwei Ladestationen auf dem Parkplatz des Lokals laden. Ein tolles Angebot. Stammt der Strom jedoch aus der Photovoltaikanlage, wird das Restaurant aus energiewirtschaftlicher und steuerrechtlicher Sicht zum Stromversorger. Damit gehen unzählige Auflagen und Pflichten einher. Diese sind so aufwendig und teuer, dass Betriebe es gleich ganz lassen.
 
Und nun?
 
Entweder die Regierung senkt die bürokratischen Hürden in Bezug auf die Installation und die Förderung von Ladepunkten. Oder es ergeht Deutschland ähnlich wie beim Glasfaserausbau.
 
Kommen wir zum Positiven: Im vergangenen Jahr wurden 5.000 neue Ladesäulen in Betrieb genommen. Ein Rekord. Welche Regionen in Deutschland taugen als Vorbild?
 
Der Ausbau in den Metropolen ist im Vergleich zum ländlichen Raum im Osten weit fortgeschritten. Ebenso ist die Abdeckung im deutschen Autobahnnetz bereits relativ gut ausgebaut. Absolute Highlights sind die Rastplätze Kassel Ost und Geiselwind in Franken. Entlang der Autobahnen ist der Wettbewerb um die besten Ladeplätze schon sichtbar. So sind auf etlichen Rasthöfen bereits mehrere Anbieter von Ladestrom vertreten. Teilweise jedoch mit unterschiedlichen Plug-ins und Bezahlmethoden. Das bringt niemanden weiter! Ab Juni 2023 müssen Betreiber POS-Terminals an ihren Ladestationen anbieten. Das Zahlen mit der Kredit- oder Geldkarte ist dann überall möglich.
 
Nach all den Informationen in Kurzform: Was müssen Unternehmen – auch jene, die nicht zur Branche gehören, jetzt tun?
 
Aufmerksam sein, entwickeln und liefern. Die nächsten zehn Jahre werden die Mobilität mehr verändern als die 100 davor. Dabei wird es überraschende Erfolgsgeschichten geben. Der Gaming-Sektor wird in diesem Thema an Relevanz gewinnen, beispielsweise bei der Überbrückung der Ladezeiten. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie scheinbar unbeteiligte Firmen von der Verkehrswende profitieren können. Wenn sie die Herausforderungen annehmen und vorausschauend denken.
 
Wie können selbstständige Expert*innen Unternehmen dabei unterstützen?
 
Beim ganzheitlichen Blick auf kurz-, mittel- und langfristige Entwicklungen. Es geht nicht um den Rückspiegel, sondern um Innovativität und Agilität. Nach vorne denken, nach vorne handeln. Wir brauchen keine Behördendenke oder Expertinnen und Experten, die Bedenken tragen. Wir benötigen Gamechanger.

Über den Experten

Matthias Trusheim ist einer der deutschen Top-Berater im Bereich der E-Mobilität. Sein aktueller Schwerpunkt: die poröse Ladeinfrastruktur in Deutschland. Vor seinen derzeitigen Tätigkeiten begleitete der Unternehmensberater erfolgreich Transformationsprozesse in der Kommunikationsbranche. Trusheim lebt in München.

Matthias Trusheim – Chief Growth Officer und Berater für E-Mobilität

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